Wo stehst du – und warum?
Betrachtest du dich als einen politisch interessierten Menschen? In welchem Verhältnis steht dies zu deinen sonstigen Interessen? Wie geht es dir, wenn du Nachrichten liest oder hörst? Regst du dich auf, schaltest du innerlich ab? Motiviert es dich, selbst aktiv zu werden? Oder setzt du dich lieber auf ein Meditationskissen?
Kürzlich geriet ich mit zwei befreundeten Kolleginnen, mit denen ich sonst eher über psychologische und spirituelle Themen spreche, in eine kontroverse Debatte über Politik. Eine meinte, man könne heute guten Gewissens keine Partei mehr wählen; deshalb gehe sie nicht mehr zur Wahl. Die andere sagte, sie fühle sich von den vielen Nachrichten überflutet; ihr Fokus liege mehr auf der spirituellen Entwicklung der Menschheit, und bei Wahlen beschränke sie sich darauf, dem Rat vertrauenswürdiger Freunde zu folgen. Ich selbst sehe es als Teil meiner persönlichen Verantwortung, mich im Rahmen meiner Möglichkeiten einzubringen. Dazu gehören auch Wahlen – und dieser Text.
Es war ein intensives Gespräch. Wir waren in wesentlichen Punkten unterschiedlicher Meinung, konnten aber durchweg unseren Respekt füreinander aufrechterhalten. Zum Glück, denn das ist leider alles andere als selbstverständlich.
Kürzlich hatte ich nach längerer Pause mal wieder eine Begegnung der unangenehmeren Art auf Facebook, in der ich mir Ironie und Sarkasmus leider nicht verkneifen konnte. Und ich kenne ihn auch in mir, den Impuls auszurasten, wenn jemand etwas aus meiner Sicht komplett Widersinniges oder Menschenfeindliches äußert. Das hilft selten weiter. Aber wie kommt man aus der Nummer wieder heraus?

Zwischen Weltnachrichten und Friedensarbeit
Immer mal wieder bekomme ich das Feedback, dass meine Arbeit in der Schule des Seins Friedensarbeit sei, weil dort Menschen nicht nur Lust und Liebe miteinander teilen, sondern auch lernen, friedlich und wohlwollend miteinander umzugehen und unterschiedliche Perspektiven nebeneinander stehen zu lassen.
Ist das auch politisch wirksam? Reicht das als Beitrag für eine friedlichere Gesellschaft? Oder blenden wir da etwas aus und überlassen anderen das Feld, die – meistens ohne sich dazu zu bekennen – ihre ganz eigenen Interessen verfolgen?
Die Krisen auf der Welt haben ein Ausmaß angenommen, das einen fühlenden Menschen erschüttern kann, wenn nicht muss. Gleichzeitig haben viele den – wahrscheinlich nicht unberechtigten – Eindruck, dass die meisten politischen Akteure keinen echten Plan haben, um die Krisen zu bewältigen. Sie scheinen so sehr auf ihren Wahlerfolg fixiert zu sein, gerade so, als wären demokratische Wahlen eine Art Sportereignis. Die mediale Berichterstattung unterstützt dieses Missverständnis allzu häufig: Umfrageergebnisse werden präsentiert wie die aktuelle Tabelle der Bundesliga. Wer steigt auf, wer steigt ab?
Wie geht es dir in Anbetracht all der bedrohlichen Entwicklungen? Marschiert die Menschheit in ihren Untergang, steht sie vor einem Bewusstseinssprung, nach dem es wieder bergauf geht, oder ist das alles halb so wild? Hast du Hoffnung oder hast du bereits resigniert?
Willy wählen! Wie ich politisch wurde
Ich habe mich schon seit meiner frühen Jugend für Politik interessiert. Im zarten Alter von 13 Jahren habe ich eifrig hellrote „Willy wählen!“-Plaketten verteilt. Und mein Vater, eher kein Willy-Brandt-Fan, ließ 1972 meinen Bruder und mich über das Kreuzchen auf seinem Briefwahlzettel entscheiden. Meine erste politische Einflussnahme fand also in einem Alter statt, in dem ich offiziell noch gar kein Stimmrecht hatte. Hat das vielleicht dazu beigetragen, dass ich der Meinung bin, politische Verantwortung zu tragen, auch ohne Parteizugehörigkeit und ohne jedes offizielle Amt?
Mein damaliger optimistischer Blick in die Zukunft ist längst Ernüchterung bis hin zu Verzweiflung und gelegentlichem Galgenhumor gewichen. Es ist kein Geheimnis: Die politische Debatte verroht, und diese Verrohung ist dank sozialer Medien und deren vor allem auf Aufmerksamkeit zielenden Algorithmen allgegenwärtig. Kaum etwas erzeugt in sozialen Medien zuverlässiger Resonanz und Reichweite als Provokation. Die daraus resultierende Polarisierung hat ihre eigene Dynamik. Wer widerspricht, gilt schnell als Feind; wer Zweifel äußert, als Verräter am eigenen Lager.
Es wird oft kaum mehr darüber gestritten, welche politische Strategie zielführend wäre. Stattdessen lauert im Rückraum die Frage, was für ein Mensch jemand ist, der eine bestimmte Meinung vertritt. So entstehen Lager, die sich gegenseitig die schlechtesten Motive unterstellen, bis man schließlich gar nicht mehr miteinander spricht.
Nach gängiger politischer Lesart polarisiert sich die Debatte und die Gesellschaft zuallererst zwischen links und rechts. Was einmal als politische Mitte galt, scheint dazwischen zerrieben zu werden. Doch so einfach ist es nicht. Unterkomplexität eignet sich bestens für Empörung und ist zugleich ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Auf diesen Zug möchte ich nicht aufspringen. Ich möchte der Komplexität des Themas möglichst gerecht werden, denn Lösungen sind selten einfacher als die Probleme, die man zu lösen sucht.
Was heißt eigentlich links und rechts?
Treten wir einen Schritt zurück. Was bedeutet eigentlich links oder rechts jenseits politischer Kampfbegriffe? Ich finde, es lohnt sich, die vertrauten Zuschreibungen genauer in den Blick zu nehmen.
Häufig stellen wir uns das politische Spektrum als eine gerade Linie vor, auf der sich links und rechts gegenüberstehen; dazwischen liegt die gemäßigte Mitte. In der Hufeisentheorie wird diese Linie so weit gebogen, dass sich die radikalen Ränder trotz ihrer Gegensätzlichkeit fast wieder berühren. Damit wird die Behauptung verbunden, Links- und Rechtsextremismus ähnelten einander.
Beide Vorstellungen greifen zu kurz. Politische Positionen lassen sich nicht sinnvoll auf einer einzigen Achse anordnen. Sozialökonomisch stehen sich eher soziale Gerechtigkeit und Marktfreiheit gegenüber; soziokulturell eher individuelle Selbstbestimmung und Pluralität auf der einen, verbindliche Traditionen und autoritäre Ordnung auf der anderen Seite. Wer wirtschaftlich weit rechts steht, muss deshalb gesellschaftspolitisch nicht dieselbe Position einnehmen – und umgekehrt.
Was die Positionsbestimmung noch schwerer macht: Was als links oder rechts gilt, ist zwar nicht beliebig, aber relativ. Diese Relativität öffnet den Raum für eine verzerrte Wahrnehmung, denn je weiter rechts jemand steht, desto mehr liegt links von ihm, und umgekehrt.
In meinen jungen Jahren schien mir der Unterschied noch recht klar: rechts hieß konservativ (also bewahrend oder ‚ewig gestrig‘) und links progressiv (also fortschrittlich oder ‚realitätsferne Spinnerei‘). Mein Biologielehrer zitierte gerne George Bernard Shaw: „Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 30 kein Kapitalist ist, hat keinen Verstand.“ Ich hielt mich jedenfalls für eindeutig progressiv und vertraute darauf, dass sich das politische Problem mit den Gestrigen irgendwann biologisch erledigen würde. Darin habe ich mich, wie in manchem anderen jugendlichen Fortschrittsglauben, gründlich getäuscht.
Heute entsteht für mich ein beinahe umgekehrtes Bild: Eher linke Parteien treten für die Bewahrung demokratischer und ökologischer Errungenschaften ein, während politisch rechte Parteien gesellschaftliche Regeln eher abbauen und technischen Fortschritt möglichst wenig begrenzen wollen, und sei er auch noch so riskant. Was die Entwicklung der KI angeht, so warnen die Chefs der größten KI-Firmen vor den Gefahren für die gesamte Menschheit.
Die meisten Parteien beanspruchen die Mitte für sich und leiten daraus ihre besondere demokratische Legitimation ab. Mit Legitimität hat dies jedoch nichts zu tun, denn mit derlei Positionierungen wird in der Regel gar nichts über die unterschiedlichen Werte und Weltanschauungen gesagt, die hinter linken, rechten oder vermeintlich mittigen politischen Forderungen stehen. Stattdessen werden ‚links‘ und ‚rechts‘ mit Emotionen aufgeladen. Die Begriffe werden zu Reizwörtern, die Zugehörigkeit oder Ablehnung auslösen, aber wenig zum Verständnis beitragen.
Wesentlich für eine sinnvolle Unterscheidung zwischen links und rechts erscheint mir die Frage, wie politische Weltanschauungen mit Gleichheit und Ungleichheit umgehen.

Linke Positionen richten den Blick eher auf das, was Menschen verbindet, und auf gesellschaftlich verursachte Ungleichheiten, die man – in mehr oder weniger großem Umfang – ausgleichen möchte. Rechte Positionen betonen stärker die Unterschiede zwischen Menschen und halten Hierarchien eher für natürlich, verdient oder zumindest unvermeidlich. Daraus ergeben sich jeweils unterschiedliche Vorstellungen von Solidarität: Sie kann grundsätzlich allen Menschen gelten oder auf die eigene Familie, soziale Gruppe, Nation oder kulturelle Gemeinschaft begrenzt werden. Die Gegensätze lauten nicht einfach Solidarität oder keine Solidarität, sondern: Wer gehört zu uns? Welche Ungleichheiten sehen wir als gegeben oder gerechtfertigt an? Und inwieweit soll Konkurrenz und inwieweit Kooperation unser Zusammenleben bestimmen? Das sind keine leichten Fragen. Wie ehrlich können wir da überhaupt sein, und wie viel Wahrhaftigkeit können wir diesbezüglich verkraften?
Solidarität ist mehr als Moral
Solidarität verstehe ich zunächst als eine ethische Kategorie, die aus menschlichem Mitgefühl heraus entsteht. Solidarität geht einher mit einer einfachen Einsicht: Wir leben nicht allein. Ob ich gesund bleiben, eine Ausbildung machen, einer sinnvollen Arbeit nachgehen oder im Alter würdig leben kann, hängt auch von anderen Menschen und gemeinsamen Einrichtungen ab. Eine Gesellschaft, in der viele unter Angst und Mangel leben, wird auch für Wohlhabende kein guter Ort sein – es sei denn, sie schotten sich vom Elend anderer ab.
Für Solidarität einzutreten, heißt nicht, dass wir nicht auch persönliche Interessen verfolgen. Es heißt, einen fairen Ausgleich oder eine Verbindung mit den Anliegen und Bedürfnissen anderer zu suchen.

Doch nicht alle teilen die Vorstellung, dass persönliche Interessen und gesellschaftliche Verantwortung zusammengehören, auch wenn sie in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen.
Ist Ungleichheit die natürliche Ordnung?
Dem solidarischen Gedanken steht eine Weltanschauung gegenüber, die in den Unterschieden zwischen Menschen eine Art natürlicher Ordnung zu erkennen glaubt und individuelle Verantwortung und Wettbewerb betont. Jeder müsse zunächst für sich selbst sorgen, Leistung müsse belohnt werden, und zu viel Unterstützung nehme Menschen den Anreiz, sich selbst anzustrengen. Darunter leide dann auch die Gesellschaft als Ganze. In manchen vereinfachenden oder stark individualistischen Deutungen spiritueller Lehren klingt Ähnliches an. Persönliches Schicksal wird als Folge früherer Taten verstanden („Karma“) – gegebenenfalls auch aus einem früheren Leben.
Die Forderung nach Selbstverantwortung ist nicht per se unsolidarisch oder asozial. Das wird sie erst dann, wenn daraus eine Erklärung für jegliche Ungleichheit gestrickt wird: Wer oben steht, habe es sich offensichtlich verdient; wer unten steht, habe sich offenbar nicht genug bemüht oder sei eben unfähig. Im Rahmen dieser Einstellung muss man über die Bedingungen, unter denen Menschen ihr Schicksal überhaupt erst in die Hand nehmen können, nicht mehr sprechen. Strukturelle Benachteiligung und Diskriminierung – ein Kernthema der Linken – werden aus dieser Perspektive eher bagatellisiert oder gar vollständig geleugnet.
Um es vorwegzunehmen: Ich stehe keineswegs neutral zwischen diesen beiden Positionen, sondern neige deutlich zu Mitgefühl, Solidarität und dem Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Dennoch möchte ich beide Seiten in der Tiefe verstehen, um eine angemessene Antwort darauf zu finden.

Kontext und Quellen: Elon Musk und Hannah Arendt
Zu den Gewinnern gehören
Die Vorstellung einer natürlichen Hackordnung – nicht nur bei Hühnern, sondern auch beim Menschen – besitzt eine erstaunlich starke psychologische Anziehungskraft, und zwar nicht nur für diejenigen, die in der gesellschaftlichen Hierarchie weit oben stehen. Die Autoritarismusforschung beschreibt einen möglichen Mechanismus, bei dem sich die Unterordnung unter Stärkere mit der Abwertung Schwächerer verbindet. Wer sich gesellschaftlich bedeutungslos fühlt, kann durch die Identifikation mit einer starken Führung oder einer vermeintlich überlegenen Gruppe symbolisch an deren Macht teilhaben. Das Versprechen lautet dann: Du magst wenig Einfluss auf dein eigenes Leben haben, aber du gehörst zu denen, die den Ton angeben – und unter dir stehen noch andere. Dieses Muster erklärt sicher nicht jede Hinwendung zu rechten oder autoritären Parteien. Es kann aber verständlich machen, warum das Gefühl von Zugehörigkeit und die Illusion eigener Stärke bisweilen schwerer wiegen als materielle Vorteile.

Wo dieser Mechanismus wirkt, kann die Identifikation mit Stärke den Blick auf die eigene Ohnmacht verstellen. Die Aggression richtet sich dann eher gegen Menschen mit noch weniger Schutz und Ressourcen als gegen diejenigen, die tatsächlich über politische oder wirtschaftliche Macht verfügen. Gegenüber Menschen, die noch weniger Einfluss haben als man selbst, kann man sich überlegen fühlen. Erhalten diese Menschen Unterstützung, wird dies dann häufig noch als Bedrohung der eigenen Stellung empfunden und infolgedessen als ungerecht deklariert und bekämpft.
Dieser Mechanismus kann dazu beitragen, den Erfolg der AfD zu erklären. In ihrem Bundestagswahlprogramm fordert sie zum Beispiel, die derzeit ausgesetzte Vermögensteuer endgültig abzuschaffen und die Einkommensgrenze, ab der der Spitzensteuersatz gilt, nach oben zu verschieben. Von der ersten Maßnahme würden im Fall einer Wiedereinführung vor allem Menschen mit großen Vermögen profitieren; von der zweiten unmittelbar nur diejenigen, deren zu versteuerndes Einkommen den entsprechenden Schwellenwert erreicht. Viele AfD-Wählerinnen und -Wähler gehören vermutlich zu keiner dieser Gruppen. Dennoch können sie sich mit einer Politik identifizieren, die hohe Einkommen und Vermögen schützt.
Identitätsangebote können bei dieser Diskrepanz psychologisch eine wichtige Rolle spielen. Die AfD bietet dabei gleich zwei Identifikationsmöglichkeiten an. Einerseits stellt sie sich und ihre Anhänger als ausgegrenzt, diskriminiert und von Eliten benachteiligt dar, die sie als ‚links-grün-versifft‘ bezeichnet. Wer diese Partei unterstützt, kann sich deshalb als mutiger Widerstandskämpfer erleben. Andererseits verspricht die Partei Stärke, Durchsetzungskraft und die Aussicht, die bestehenden Machtverhältnisse umzukehren. Ihre Anhänger können sich also zugleich als unterdrückte Außenseiter und als künftige Sieger verstehen: als Widerstandskämpfer und als Mächtige in spe.
Das ist nur dann widersprüchlich, wenn wir annehmen, Menschen wählten ausschließlich nach ihrem unmittelbaren Vorteil. Zugehörigkeit, Protest, das Gefühl moralischer Auflehnung und die Aussicht, auf der Seite der künftigen Gewinner zu stehen, können politisch schwerer wiegen als die Frage, wer von einer Steuerreform tatsächlich profitiert. Eigentums- und Verteilungsfragen, traditionell entscheidende Unterschiede zwischen links und rechts, weichen mehr und mehr einem identitätspolitischen Kulturkampf. Dieser eignet sich wiederum hervorragend als Nebelmaschine, um die tatsächlichen Interessenkonflikte zu verschleiern.
Nicht jeder Mensch, der eine rechte Partei wählt, folgt dem beschriebenen Muster. Aber wo Politiker Reiche als vermeintliche Leistungsträger anerkennen und deren Privilegien schützen, während sie nach unten unverblümt Verachtung zur Schau stellen, drängt sich die Frage auf, wem diese Inszenierung nützt. Unsichere Lebensverhältnisse verschwinden dadurch nicht, und der Ärger darüber auch nicht. Er trifft nur leider immer häufiger diejenigen, die am wenigsten dafür verantwortlich sind.
„Leistung muss sich lohnen“ – tut sie das wirklich?
Auch die Rede von Leistung, Wettbewerb und Wettbewerbsfähigkeit verdient einen genaueren Blick. „Leistung muss sich lohnen“ klingt vollkommen plausibel. Doch wessen Leistung wird tatsächlich wie honoriert? Die Arbeit einer Pflegekraft ist für andere Menschen unverzichtbar und wird dennoch viel geringer bezahlt als manche Tätigkeiten, die vor allem wegen ihrer Stellung am Markt hoch vergütet werden.
Zugleich können große Vermögen weitergegeben werden, ohne dass deren Erben etwas dafür hätten leisten müssen. Auch Kapitalerträge und Wertsteigerungen können Vermögen in einem Ausmaß wachsen lassen, das sich wohl kaum als Gegenwert individueller Arbeitsleistung erklären lässt.
Warum wird Erwerbsarbeit am Leistungsprinzip gemessen, während Erbschaften und leistungslose Vermögenszuwächse davon weitgehend ausgenommen bleiben? Warum stellen gerade Politiker, die Leistung zum wesentlichen Maßstab gesellschaftlicher Ordnung erklären, diese Fragen so selten? Es drängt sich der Verdacht auf, dass es weniger um ein konsequent angewandtes Leistungsprinzip geht als um die Bewahrung bestehender Privilegien – allerdings ohne dies zuzugeben. Die offensichtliche Diskrepanz zwischen Leistungsrhetorik und Vermögensprivilegien untergräbt das Vertrauen in die behauptete Gerechtigkeit der gesellschaftlichen Ordnung.
Selbsttäuschung auf allen Seiten
Auch die solidarische Grundhaltung, der ich, wie gesagt, persönlich näherstehe, ist keineswegs frei von (Selbst-)Täuschung. Wer für das Gemeinwohl einzutreten vorgibt, hält sich leicht mal für moralisch überlegen und verhält sich entsprechend gegenüber „weniger bewussten“ Menschen. Arroganz und Selbstzufriedenheit wecken jedoch selten Sympathien für die gute Sache. Und die Grenzen der eigenen Solidarität werden erstaunlich oft genau dort gezogen, wo eigene Vorteile infrage gestellt würden. Ökologisch eingestellte Menschen, die zugleich über ein überdurchschnittliches Einkommen oder Vermögen verfügen, können es sich leisten, höhere Energiepreise oder andere Kosten klimapolitischer Maßnahmen zu tragen. Dabei übersehen sie möglicherweise, was dieselben Belastungen für jemanden bedeuten, der auf das Auto angewiesen ist oder kaum Geld zum Heizen hat. Die eigene Belastbarkeit wird stillschweigend zum Maßstab für alle.
Gleichzeitig zeigt sich eine weitere Form der Selbsttäuschung: Mit steigendem Einkommen wächst im Durchschnitt auch der Ressourcenverbrauch – selbst in Milieus mit ausgeprägtem Umweltbewusstsein.

Auch ich kenne die Versuchung, offensichtlich ökologisch sinnvolle Investitionen gegen weniger sichtbare Belastungen meines Lebensstils aufzurechnen: z. B. Wärmepumpe und Solardach, zugleich aber überdurchschnittlich viel Wohnraum. Einzelne moralisch richtige Entscheidungen können uns das Gefühl geben, auf der richtigen Seite zu stehen, während wir die Folgen unseres gesamten Lebensstils ausblenden. Es ist nicht leicht, sich diesen Widerspruch einzugestehen, weil er das eigene Selbstbild ins Wanken bringen könnte. Von außen wird er dann gern pauschal als „Gutmenschentum“ verspottet. Das erspart allerdings auch den Spöttern die Frage, welche Widersprüche sie selbst nicht sehen wollen.
Wer trägt wofür Verantwortung?
Mir geht es hier nicht darum, die Schuldfrage im Zusammenhang mit Naturzerstörung weiter zu individualisieren, während die kollektiven und systemischen Faktoren außer Acht bleiben. Flugscham oder Zugstolz bringen uns nicht wirklich weiter. Es reicht nicht, zum Kauf biologischer oder fair gehandelter Produkte aufzurufen, solange die schädlicheren Alternativen deutlich billiger bleiben. Für einen breiten Wandel müssen sich auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und relativen Preise verändern.
Bequem ist Solidarität vor allem dann, wenn sie eher anderen etwas abverlangt, als von uns selbst etwas fordert. Man kann für Gerechtigkeit eintreten und zugleich nicht sehen wollen, wie sehr der eigene Wohlstand von günstiger Arbeit, geerbtem Vermögen oder einem guten Start ins Leben profitiert. Das macht den Wunsch nach Gerechtigkeit nicht falsch, aber er wird unglaubwürdig, wenn die eigenen Privilegien aus der Rechnung verschwinden. Wer über Verzicht spricht, müsste eigentlich auch sagen, was er selbst zu verlieren bereit ist. Und hier wird es wirklich ungemütlich. Ich kann das gut bei mir selbst beobachten: Auf wie viel meines Wohlstandes bin ich bereit zu verzichten, wenn ich an mich heranlasse, mit wie wenig andere auskommen müssen? Einem Verzicht steht dann auch noch das psychologische Phänomen der Verlustaversion im Weg: Ein möglicher Verlust schmerzt ungefähr doppelt so stark wie entgangener Gewinn. Sind deswegen oft die Besitzenden erfolgreicher in der Verteidigung ihrer Privilegien als diejenigen, die weniger haben und mehr Gerechtigkeit einfordern?
Wie arm oder reich bist du?
Immer wieder sehe ich in den Onlineausgaben von Zeitungen Rechner, mit denen man das eigene Einkommen oder Vermögen in Relation zu anderen einordnen kann.

Offenbar besteht ein großes Bedürfnis zu erfahren: Wie reich oder arm bin ich eigentlich? Wo stehe ich im Verhältnis zu anderen? Eine vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung vorgestellte Untersuchung zeigt, wie stark dabei die Anziehungskraft der gesellschaftlichen Mitte ist: Rund 80 Prozent der Befragten ordnen sich selbst der Mittelschicht zu. Die gesellschaftliche Mitte ist offenbar der einzige Ort, an dem statistisch fast alle gleichzeitig Platz finden … Besonders ausgeprägt ist die Fehleinschätzung bei Menschen mit hohen Einkommen. Von den einkommensstärksten 20 Prozent erkennt sich weniger als jeder Siebte als Angehöriger dieser Gruppe; die meisten verorten sich weiter unten, gewöhnlich in der Mitte.
Die Antwort auf die Frage nach dem eigenen Platz kann beruhigen, beschämen oder auch ein Gefühl der Überlegenheit erzeugen. Wer sich zur Mitte zählt, empfindet den eigenen Wohlstand leichter als normal und durch eigenes Handeln verdient. Das kann so weit gehen, dass jemand wie Merz, der regelmäßig mit seinem Privatflugzeug unterwegs ist, sich zur gehobenen Mittelschicht zählt.
Wer hingegen selbst wenig hat, unter sich aber noch Ärmere entdeckt, kann sich durch diese Gegenüberstellung aufgewertet fühlen.
Solche Vergleiche machen Ungleichheit sichtbar, können sie aber zu einem persönlichen Rangspiel verkürzen. Dann gerät aus dem Blick, wie Einkommen und Vermögen entstehen, welche Macht mit ihnen verbunden ist und ob ihre Verteilung gesellschaftlich gerechtfertigt werden kann – oder eben nicht. Die folgende Grafik macht die Ungleichheit eindrücklich sichtbar und wirft Fragen auf, nicht zuletzt die nach dem Verhältnis von Besitz und Freiheit.

Wessen Freiheit?
Kein politischer Begriff lässt sich so vielseitig in Anspruch nehmen wie die Freiheit. Von „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ bis zu „Freie Fahrt für freie Bürger“ kann sie sowohl die Befreiung aus gesellschaftlicher Abhängigkeit als auch die Verteidigung persönlicher Privilegien bezeichnen. Die politische Philosophie unterscheidet hier zwischen negativer und positiver Freiheit. Negative Freiheit meint die Freiheit von Eingriffen und Beschränkungen: Niemand soll mir ohne guten Grund vorschreiben, wie ich zu leben habe. Wirtschaftsliberale Positionen betonen in diesem Sinne vor allem die Freiheit von staatlichen Eingriffen, Steuern und Vorschriften.
Positive Freiheit bezeichnet dagegen die tatsächliche Möglichkeit, das eigene Leben zu gestalten und selbstgewählte Ziele zu verfolgen. Linke und sozialdemokratische Positionen betonen deshalb stärker die materiellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen eines freien Lebens: ein ausreichendes Einkommen, Bildung, soziale Sicherheit und Mitbestimmung. Wer arm ist oder aus Angst vor dem sozialen Absturz jede Arbeit annehmen muss, besitzt zwar formale Rechte, kann von ihnen aber nur begrenzt Gebrauch machen. Politisch umstritten ist daher nicht nur, wie viel Freiheit wir haben sollen, sondern auch, welche Hindernisse als Einschränkung von Freiheit gelten: nur staatliche Vorschriften – oder ebenso Armut, Abhängigkeit und fehlende Lebenschancen?
Wie ideologisch der Begriff verwendet wird, zeigt sich besonders in der Steuerpolitik. „Steuererleichterungen“ klingen nach einer Wohltat für alle. Meist bleibt jedoch offen, wer in welchem Umfang entlastet wird, wem anschließend öffentliche Leistungen fehlen und wer dadurch unter dem Strich verliert. Ein Freund brachte das kürzlich auf die eingängige Formel: „Sei froh, wenn du nur ein Steuerproblem hast und kein Einkommensproblem.“
Es gibt viele weitere Beispiele, wie der Freiheitsbegriff zur Verschleierung persönlicher Interessen eingesetzt wird. Unternehmen z. B. sollen von Abgaben, Umweltauflagen und anderen Verpflichtungen gegenüber der Allgemeinheit „befreit“ werden.
Beim persönlichen Lebensstil endet jedoch zuweilen das Plädoyer für die Freiheit: Dann werden traditionelle Familienbilder, feste Geschlechterrollen und Heterosexualität zur Norm erklärt, Abweichungen als bedrohlich empfunden und LGBTQIA+-Menschen und queere Lebensweisen mitunter erbittert bekämpft. Dabei kann die wachsende Zahl von Bezeichnungen auch die Frage aufwerfen, wie viel Differenzierung hilfreich ist und wann neue Identitäten eher einengen als Orientierung geben.
Die Verwendung des Freiheitsbegriffs erscheint widersprüchlich, wird aber verständlicher, wenn wir die zwei bereits erwähnten politischen Achsen unterscheiden. Auf der wirtschaftlichen Achse kann größtmögliche Marktfreiheit propagiert werden, während auf der gesellschaftlichen Achse eine ‚Leitkultur‘ mit festen Normen und begrenzter individueller Selbstbestimmung bevorzugt wird. Und umgekehrt verbindet sich oft der Wunsch nach größtmöglicher individueller Freiheit z. B. rund um Liebe und Sexualität mit der Forderung nach mehr Regulierung des Marktes.
Eine offensichtliche und zugleich verdrängte Widersprüchlichkeit können wir auch beim Reizthema Migration beobachten. Die Forderung nach freiem Verkehr von Waren und Kapital führt keineswegs selbstverständlich zu der Forderung, dass auch Menschen sich frei über Grenzen hinweg bewegen dürften. Den meisten Menschen in Deutschland ist wahrscheinlich kaum bewusst, welches Privileg wir genießen, frei in die meisten Länder dieser Erde reisen zu können. Welche Freiheit verteidigt und welche eingeschränkt wird, hängt offenbar stark davon ab, wessen Interessen sie dient, welche Ordnung und welche Identität sie infrage stellt und wem überhaupt das Recht auf Selbstbestimmung zugestanden wird.
Was ist freier: nackt durch die Stadt zu spazieren oder mit 180 über die Autobahn zu rasen? Welche der beiden Freiheiten wir für unverhandelbar halten, verrät womöglich mehr über liebgewordene Gewohnheiten als über unsere ethischen Prinzipien. Wer seine Freiheit ausübt, trägt die Folgen nicht allein; häufig sind auch andere betroffen. Das betrifft mich zum Beispiel gefühlt jeden Samstag, wenn die Nachbarn ihre Rasenmäher und Heckenscheren in Betrieb nehmen. Es betrifft die ganze Menschheit, wenn für Profit oder Wirtschaftswachstum Regenwälder vernichtet werden.
Nach welchen Maßstäben bewerten wir all das? Wie ehrlich können wir mit uns selbst sein? Der Satz „Ich lasse mir nichts vorschreiben!“ beendet diese Prüfung nicht, sondern wirft Fragen auf: Wer gewinnt, und wer bezahlt den Preis der Freiheit?

Freiheit ist ein grundlegender Wert, aber keine einzelne Freiheit gilt grenzenlos. Wenn Menschen ihre Freiheit nutzen, hat das häufig Konsequenzen. Deshalb muss eine Gesellschaft immer wieder aushandeln, wo persönliche Freiheit endet und der Schutz anderer und der Gemeinschaft beginnt. Wir können nicht einfach für oder gegen Freiheit sein. Die entscheidende Frage stellt sich so: Welche Freiheit wird wem zugestanden, welche wird eingeschränkt – und wer trägt die Folgen? Ideologisch wird der Begriff dort, wo die Freiheit einer bestimmten Gruppe als Freiheit für alle dargestellt wird, während die Einschränkungen anderer aus dem Blick geraten. Grüße an die überzeugten Gegner eines Tempolimits gehen raus.
Was machen wir uns selbst vor?
Verschleierung und Verleugnung finden wir in vielen politischen Forderungen: Ob es um Naturschutz, Krankenkassenbeiträge, Rentenreform oder Tankrabatt geht – die tatsächlichen Motive werden gerne versteckt; wir verstecken sie sogar manchmal vor uns selbst. Jeder kennt wahrscheinlich Beispiele. Die einen sprechen von wirtschaftlicher Vernunft, wenn sie vorrangig Vorteile für Vermögende verteidigen. Die anderen sprechen von Solidarität, ohne die Kosten geforderter Maßnahmen ehrlich zu verteilen. Die einen werten den Schutz vor Diskriminierung als ‚Kulturkampf‘ ab. Die anderen fühlen sich bereits diskriminiert, wenn ihnen die Last persönlicher Verantwortung zu groß wird.
Damit will ich diese unterschiedlichen Positionen und ihre gesellschaftlichen Folgen nicht gleichsetzen. Mir geht es um ein Muster, das in verschiedenen politischen Lagern auftritt: Wir berufen uns auf allgemein anerkannte Werte, weil es uns schwerfällt, die eigenen Interessen, Widersprüche und blinden Flecken offen anzuschauen, geschweige denn uns zu ihnen zu bekennen.
Eine angebliche Förderung des Gemeinwohls dient oft nur als Tarnung individueller Interessen. Dann streiten wir scheinbar über Werte, aber in Wirklichkeit eben auch darüber, wer bezahlt, wer profitiert und wer seine Lebensweise beibehalten kann oder ändern muss. Für eine offene Debatte müssten alle diese Fragen auf den Tisch. Das wäre womöglich bedrohlich, weil solche Fragen nicht nur politische Überzeugungen, sondern direkt unser Selbstbild berühren.
Zu einer sinnvollen politischen Debatte gehört, die Grenzen beider Grundprinzipien anzuerkennen. Solidarität kann Menschen nicht jede Verantwortung abnehmen. Aber der Appell an die Eigenverantwortung wird zynisch, wenn Menschen nur sehr begrenzte Möglichkeiten haben, ihr Leben selbst zu gestalten. Niemand schafft sich allein die Voraussetzungen seines Erfolgs. Und niemand ist selbst und allein verantwortlich für Chancen, die er oder sie nicht hat. Es ist für die Debatte nicht hilfreich, wenn wir nur die eigenen politischen Maßstäbe gelten lassen.
Eine gewisse Gnadenlosigkeit finde ich auch in mir, wenn es um politische Überzeugungen geht. „Wie kann man nur …“, denke ich immer mal wieder, wenn ich bestimmte Forderungen oder Statements höre. Gerade wenn wir uns moralisch auf der ‚richtigen‘ Seite verorten, können wir versucht sein, Andersdenkenden sofort niedere Beweggründe zu unterstellen, statt ihre Motive erst einmal verstehen zu wollen. Dann wird der politische Gegner zum schlechten Menschen, ein Kompromiss wird zum Verrat und die eigene Härte zur notwendigen Verteidigung der guten Sache.
Wie viel Widerspruch halten wir aus?
Vielleicht können wir uns deshalb immer wieder fragen (und vielleicht hattest du bereits beim Lesen dieses Textes schon Gelegenheit dazu …):
- Wann hören wir gar nicht mehr wirklich zu oder steigen innerlich aus?
- Bei welchen Themen werden wir rechthaberisch oder dogmatisch?
- Wo rechtfertigen wir bei Gleichgesinnten, was wir der Gegenseite niemals durchgehen ließen?

Dogmatismus beginnt dort, wo wir die eigenen Gewissheiten nicht mehr infrage stellen. Wirklich gefährlich wird es, wenn wir Andersdenkenden ihre Menschlichkeit absprechen oder sie nicht mehr erreichen oder überzeugen wollen, sondern am liebsten beseitigen möchten. Deutschland müsste durch seine Geschichte eigentlich davor gewarnt sein, in welchen Abgrund das führen kann, aber manche wollen das anscheinend lieber vergessen und sich von der dunklen Vergangenheit frei machen. Wir werden allerdings nicht frei von Vergangenem, wenn wir es verdrängen, sondern wenn wir daraus lernen.
Wie gehen wir damit um, wenn kein Dialog mehr möglich ist oder wenn uns Hass, Einschüchterung oder gar Gewalt entgegenschlagen? Das ist auf Social Media und in manchen Regionen Deutschlands bereits trauriger Alltag. Das Toleranz-Paradoxon besagt, dass bedingunglose Toleranz – also auch gegenüber der Intoleranz – sich am Ende selbst abschafft. Diese Gefahr halte ich in der aktuellen politischen Situation für real. Allerdings: Was ist eine eindeutige politische Positionierung und was ist intolerant? Das ist nicht immer leicht zu unterscheiden, denn kaum jemand bezeichnet sich selbst als intolerant.

Eine Grenze wird in jedem Fall überschritten, wenn Menschen zu Gewalt greifen oder demokratische Institutionen nutzen, um die Demokratie abzuschaffen, wie das 1933 geschehen ist. Dazu empfehle ich die Dokumentation ‚Babylon Berlin – Die Doku – Wie die Demokratie unterging‘. Die Demokratie hat in dieser Hinsicht einen strukturellen Nachteil gegenüber einer Autokratie oder Diktatur. Durch den komplexeren Prozess der Entscheidungsfindung reagiert sie oft sehr zäh. Es ist immer wieder von der „wehrhaften Demokratie“ die Rede. Eine freie Gesellschaft muss sich verteidigen können. Ja, aber wie? Bevor wir uns darüber verständigt haben, ist es womöglich bereits zu spät.
Eine ernsthafte politische Debatte beinhaltet – ebenso wie ein persönlicher Konflikt – beides: Wir haben unterschiedliche Ansichten und Bedürfnisse und sind zugleich in einem gewissen Maße aufeinander angewiesen. Wie handeln wir unsere unterschiedlichen Interessen miteinander aus?
Verhandlungsführung ist höchst komplex, und die meisten Menschen sind darin, so wie ich, nicht besonders gut geübt. Erst kürzlich hat mir ein Podcast mit dem Verhandlungsexperten Matthias Schranner diesbezüglich einiges klarer gemacht. Wir können nicht immer davon ausgehen, dass die andere Seite unsere Werte teilt, und auch nicht, dass unsere Werte die besseren oder wir im Recht sind. Die Gewissheit, moralisch überlegen und im Recht zu sein, kann einen Konflikt leicht eskalieren lassen. Im genannten Podcast bezeichnet Schranner Deutschland als ‚Weltmeister im Rechthaben und Moralisieren‘. Aber was dann? Woran orientieren wir uns in der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden? Können wir unseren Werten treu bleiben und zugleich andere Perspektiven nachvollziehen?
Die Natur kennt Kooperation und Konkurrenz
Wie gesagt: Ich finde es hilfreich, unterschiedliche Weltanschauungen, linke und rechte, überhaupt erstmal in ihrer Unterschiedlichkeit zu verstehen. Das heißt aber nicht, dass wir sie symmetrisch zueinander anordnen müssen, wie es die Begriffe suggerieren. Bilden Solidarität und Konkurrenz gleichwertige Pole, zwischen denen wir nur die richtige Balance finden müssen? Oder baut eines der Prinzipien auf dem anderen auf?
Ich persönlich halte Verbundenheit für grundlegender als Konkurrenz. Erst auf der Basis eines Mindestmaßes an Schutz, Vertrauen und gemeinsamer Orientierung können Selbstverantwortung und Konkurrenz produktiv werden. Ansonsten wird aus fairem Wettbewerb ein Überlebenskampf, in dem sich regelmäßig die bereits Stärkeren durchsetzen. Man kann das aber auch andersherum sehen: das Leben ist von Natur aus ein permanenter Kampf um Ressourcen und ums Überleben; Kooperation ist nur ein Mittel zu diesem Zweck.
Aus meiner Sicht lässt sich die Natur nicht auf ein Konkurrenzgeschehen reduzieren. Ja, Lebewesen konkurrieren um Raum und Ressourcen, gehen aber zugleich vielfältige Abhängigkeiten und symbiotische Beziehungen ein. Ein Wald besteht nicht nur aus einzelnen Bäumen, die um Licht kämpfen. Über Wurzeln, Pilze und Mikroorganismen entstehen komplexe Netzwerke, in denen Stoffe und Signale ausgetauscht werden. Kooperation, Symbiose, Konkurrenz und wechselseitige Abhängigkeit – sie gehören alle zum Leben.

Die sozialdarwinistische Vorstellung, das Leben sei in erster Linie ein Wettkampf, greift m. E. zu kurz. Komplexes Leben ist ohne Selektion und Konkurrenz ebenso wenig erklärbar wie ohne Verbindung, Arbeitsteilung und Symbiose.
So oder so folgt daraus allerdings kein politisches oder moralisches Gebot. Die Natur schreibt uns nicht vor, wie wir unsere Gesellschaft gestalten sollen. Sie widerlegt aber die Behauptung, rücksichtsloser Wettbewerb sei das einzig natürliche Prinzip und eine solidarische Ordnung deshalb lebensfremd.
In der Philosophie des Tantra, der ich mich verbunden fühle, begegnet mir ein ähnlicher Gedanke, wie er auch von manchem Naturwissenschaftler geteilt wird: Nichts existiert unabhängig, alles steht in Beziehung zueinander. Für mich ist das weniger ein wissenschaftlicher Beweis als eine Perspektive auf unser Zusammenleben. Und trotz aller Verbundenheit bleibe ich in meiner individuellen Wahrnehmung verankert.
In einer Tantra-Gruppe darf ich meine eigenen Entscheidungen treffen, meine Grenzen spüren und meiner persönlichen Spur folgen. Doch das gelingt viel leichter in einer Atmosphäre von Vertrauen, Mitgefühl und gemeinsam getragener Verantwortung. Es ergibt wenig Sinn, das Ich und das Wir gegeneinander auszuspielen. Ohne ein Ich wird das Wir zur Maske; ohne ein Wir wird die Freiheit des Ichs zu Einsamkeit – oder zum Recht des Stärkeren.
In welcher Gesellschaft wollen wir leben?
Politisch wird das Verhältnis von Ich und Wir umso unübersichtlicher, je größer eine Gemeinschaft wird. Mitgefühl für einen Menschen, der mir nahesteht, fällt leichter als Solidarität mit Millionen Unbekannten. Spirituelle Schulen betrachten die Erweiterung unseres empathischen Radius als wesentlichen Reifungsprozess. Ich halte eine solche Entwicklung für wünschenswert, aber inwieweit macht die Menschheit als Ganze langfristig dabei mit? Hier betreten wir das Gebiet des Glaubens und der Religion.
Ich komme darauf zurück: Solidarität verlangt nicht, das Ich aufzugeben. Selbstverantwortung bedeutet umgekehrt nicht, die Abhängigkeit von anderen zu bestreiten. Und Freiheit zeigt sich nicht nur darin, ob ich tun und lassen kann, was ich möchte, sondern auch darin, wie ich mit den Folgen meines Handelns für andere umgehe. Aus meiner Sicht besteht eine hilfreiche persönliche und politische Entwicklung genau darin: den Kreis der Verbundenheit zu erweitern, ohne die eigenen Bedürfnisse und Interessen zu verleugnen. Und dann beginnt die Verhandlung gegenüber den Bedürfnissen und Interessen anderer.
Folgende Fragen richte ich immer wieder an mich selbst. Ich habe keine abschließenden Antworten. Vielleicht ist das auch weniger wichtig, als immer wieder gute Fragen zu stellen.
- Bei welchen Menschen endet mein Mitgefühl?
- Welche Perspektive auf das Leben kann ich nicht ertragen?
- Welche Form von Ungleichheit rechtfertige ich, weil ich von ihr profitiere?
- Wann vermeide ich, eigene Interessen offen zu benennen?
Diese Fragen können unangenehm sein oder gar quälend. Doch solange wir uns ihnen nicht stellen, befinden wir uns auf dünnem Eis. Wahrhaftigkeit gegenüber uns selbst ist in meiner Erfahrung eine gute Grundlage, um im Umgang mit Andersdenkenden echten Kontakt zu ermöglichen. Es gibt allerdings keine Garantie, dass dies gelingt. Welches Risiko sind wir bereit einzugehen?

Im Dialog mit Menschen, die andere Meinungen vertreten, können wir fünf Ebenen auseinanderhalten und uns, wenn es gut läuft, durch sie hindurcharbeiten.
- Minen räumen, Trigger entschärfen. Wann steigt der Adrenalinpegel? Auf dieser Ebene geht es darum, Begriffe mit emotionaler Ladung zu identifizieren und nicht zuzulassen, dass Emotionen uns den Verstand vernebeln. Emotionen brauchen ihren eigenen Raum, Diskussionen geben ihnen diesen in der Regel nicht. Manchmal geht es erst nach einer Pause weiter, wenn wir uns wieder beruhigt haben.
- Zugehörigkeit und Dialogbereitschaft klären. Mit welchem politischen ‚Lager‘ fühlen wir uns verbunden? Welchem Lager rechnen wir unser Gegenüber zu? Sind wir bereit, über Lagergrenzen hinweg zu kommunizieren? Gibt es ein geteiltes Interesse am Dialog oder handelt es sich um einen Kampf ums Rechthaben? Wo ziehen wir eine Grenze für den Kontakt?
- Unterschiede in der Weltanschauung herausarbeiten. Was ist für uns jeweils grundlegender, Selbstbehauptung oder Kooperation? Wo liegen die Grenzen unserer Solidarität? Welche Werte liegen unseren Meinungen zugrunde? Auf dieser Ebene geht es vor allem darum, eine Übereinstimmung zu suchen, in welchen Punkten wir nicht übereinstimmen.
- Persönlich werden. Welche Bedürfnisse, Erfahrungen und Glaubenssätze stehen hinter unserer Weltanschauung? Diese Ebene macht verletzlich. Sie zu betreten gelingt meistens nur dann, wenn die vorherigen Ebenen geklärt oder zumindest in ihrem Triggerpotenzial entschärft worden sind.
- Erkenntnisgewinn benennen. Welche neuen Perspektiven hat der Dialog eröffnet? In welcher Hinischt ist Verständnis gewachsen, in welcher Hinsicht sind Differenzen deutlicher geworden? Gibt es ein mögliches, ggf. vorläufiges, Fazit?
Die Einladung
Ich verstehe diesen Text als Einladung, gemeinsam weiterzudenken, meinen Gedanken zu widersprechen und mich auf blinde Flecken aufmerksam zu machen.
- Empfindest du meine Unterscheidung zwischen links und rechts als hilfreich? Was siehst du anders?
- Mit welchen Gedanken und Erfahrungen findest du dich im Text wieder, mit welchen nicht?
- Welche Perspektive möchtest du mir anbieten oder zumuten?
Wenn wir einander zuhören, ohne unsere Unterschiede zu verleugnen und ohne den anderen vorschnell einem feindlichen Lager zuzuordnen, wird der Dialog selbst zu einer Form politischer Praxis.
Leite diesen Text gerne weiter an Freundinnen, Freunde und Bekannte. Vielleicht nehmt ihr ihn als Ausgangspunkt für einen intensiven Austausch zum Thema „Wie hältst du es mit der Politik?“
Ich freue mich über deine Rückmeldung oder deinen Kommentar. So können wir miteinander lernen, im Gespräch zu bleiben und unsere Perspektiven zu erweitern.

Heiße Empfehlungen
Babylon Berlin – Die Doku – Wie die Demokratie unterging (ARD Mediathek). Berlin, Anfang 1933: Die Demokratie wird Schritt für Schritt ausgeschaltet, politische Gegner und Juden geraten ins Visier des NS-Terrors. Die Doku hat mir erschütternd nahegebracht, wie schnell eine Demokratie abgeschafft werden kann, viel schneller, als sich das viele Zeitgenossen damals haben vorstellen können.
The AI Doc: Or How I Became an Apocaloptimist (auf verschiedenen Streaming-Plattformen). Der Film untersucht die Risiken der künstlichen Intelligenz aus der Sicht des werdenden Vaters Daniel Roher, der eine Balance zwischen Untergangsangst („Apokalypse“) und Zuversicht („Optimismus“) sucht. Eine hervorragende Informationsquelle für alle, die wissen wollen, was mit KI auf uns zukommt. Der Film hat mich sehr berührt.
Was ist die Kunst des Verhandelns? (Interview mit dem Verhandlungsexperten Matthias Schranner im Podcast ‚Hotel Matze‘ auf Spotify und YouTube). Für Menschen wie mich, die Harmonie lieben und gerne Konflikte vermeiden, ist dieses Gespräch ein Augenöffner. Konflikte, die wir verdrängen, sind dadurch nicht weg, sondern kehren oft im unpassendsten Augenblick zurück. Aber wie tragen wir Konflikte aus, bei denen wir selbst und unser Gegenüber nicht die gleichen Werte teilen?
Die gute Frage (DIE ZEIT): Fragen als unterschätzte Kraft, die Denken lenkt, Lernen auslöst und Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet. Ich habe in meinen Seminaren und Büchern oft den Wert des Nichtwissens hervorgehoben. Durch diesen Text ist mir klarer geworden, dass Fragen zu stellen die gelebte Form von Nichtwissen ist. Was ist deine Frage?
Du möchtest dich jenseits von Parteipolitik für Demokratie engagieren? Dann sind das gute Adressen:
Mehr Demokratie e. V. (Initiativen u. a. für Bürgerräte) und openPetition (für Petitionen und unverbindliche Volksabstimmungen).
Anmerkungen und Quellen
- Social-Media-Algorithmen beeinflussen, was Menschen glauben: https://www.mpg.de/26896249/social-media-algorithmen-beeinflussen-was-menschen-glauben
- Hufeisentheorie greift zu kurz. Extremismus – links ist nicht gleich rechts: https://www.n-tv.de/politik/Extremismus-links-ist-nicht-gleich-rechts-article21584203.html
- Jenseits von links und rechts: Lassen sich Parteien noch klassifizieren? https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/279819/jenseits-von-links-und-rechts/
- Rechts und Links. Zum Sinn einer politischen Unterscheidung https://www.blaetter.de/ausgabe/1994/mai/rechts-und-links
- Autoritarismus: https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500765/autoritarismus/
- Umweltbundesamt: Repräsentative Erhebung von Pro-Kopf-Verbräuchen natürlicher Ressourcen in Deutschland https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/repraesentative-erhebung-von-pro-kopf-verbraeuchen
- Die Scham des Reichtums https://www.diw.de/de/diw_01.c.879013.de/nachrichten/die_scham_des_reichtums.html
- Falsche Selbsteinschätzung: Warum Merz nicht zur Mittelschicht gehört https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/friedrich-merz-warum-er-nicht-zur-mittelschicht-gehoert-a-1238635.html
- Zwischen Leviathan und Kantischem Rechtszustand. Über das schwierige Verhältnis von Freiheit und Sicherheit https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/freiheit-und-sicherheit-2022/511501/zwischen-leviathan-und-kantischem-rechtszustand/
- Was tun gegen Ungleichheit? https://www.bpb.de/themen/wirtschaft/wirtschaftspolitik/556705/was-tun-gegen-ungleichheit/
- Der Radioessay „So tickt die sensible Gesellschaft“ von Svenja Flaßpöhler (ausgestrahlt auf SWR Kultur / ARD Audiothek) widmet sich der Dialektik der Sensibilität. https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:512fa6ea46ba47a5/
- Wehrhafte Demokratie. Vom Wesen und Wert eines schillernden Konzepts https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/inguterverfassung-2024/545648/wehrhafte-demokratie/



2 Kommentare
Was für eine Offenbarung! Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand schon mal so einen tiefgehenden, fundierten, vollständigen und weisen Beitrag zu dem ja doch recht wichtigem Gebiet der Politik geschrieben hat. Vielen Dank und große Hochachtung!!!
Danke lieber Andreas,
das freut mich.
Was macht eigentlich dein Projekt?
LG Saleem