Wir sind uns treu. Aber was meinen wir eigentlich damit?

Treue ist ein Wort, bei dem die meisten von uns vermutlich ziemlich schnell zu wissen glauben, was es bedeutet. „Umgangssprachlich wird der Begriff ‚Treue‘ oft als Synonym für sexuelle Exklusivität in der Paarbeziehung verwendet“, heißt es bei Wikipedia. Wenn wir genauer nachfragen, wird es allerdings oft erstaunlich unscharf. Wenn treu sein bedeutet, keinen Sex mit anderen zu haben, wo fängt Sex dann an? Beim Flirten, beim Küssen oder erst, wenn Genitalien ins Spiel kommen? Und was ist mit Fantasien, mit Begehren oder dem ziemlich unberechenbaren Phänomen, sich in einen anderen Menschen zu verlieben?

In letzter Zeit wenden sich häufiger Paare an mich, die bei diesen Fragen nicht weiterwissen. Was ich dabei immer wieder mitbekomme: Viele Paare haben nicht wirklich genau besprochen, was sie unter Treue verstehen und wo Untreue beginnt. Sie gehen davon aus, dass der andere schon dasselbe meinen wird. Oder sie haben darüber gesprochen, aber die gefühlte Realität hält sich nicht an die Vereinbarungen. Unterschiedliche Vorstellungen werden oft erst sichtbar, wenn Grenzen überschritten wurden und sich jemand verletzt fühlt.

Manchmal erwarten wir Eifersucht als Beweis für Liebe

In meiner eigenen Beziehungsbiografie bin ich schon früh darüber gestolpert, dass ich bei Treue manches anders empfand als meine Partnerinnen. Damit bin ich wohl nicht allein. Ein guter Freund erzählte mir kürzlich, dass seine Partnerin ihren Ex geküsst hatte. Er war nicht begeistert, aber auch nicht sonderlich erschüttert. Schließlich wurde ausgerechnet seine fehlende Eifersucht selbst zum Problem. Sie wurde als Zeichen dafür gelesen, dass er seine Partnerin offenbar nicht genügend liebte.

Ich finde den Gedanken erstaunlich, dass Eifersucht manchmal als Liebesbeweis verstanden wird. Dahinter scheint die Erwartung zu stehen, dass ein Mensch, der mich wirklich liebt, auch wollen müsste, dass ich ausschließlich ihn will. Gleichzeitig verstehe ich das Bedürfnis dahinter, denn vermutlich möchten die meisten von uns spüren, dass sie für einen geliebten Menschen besonders sind und nicht beim Auftauchen einer interessanteren Alternative einfach ausgetauscht werden können.

Treue kann eine wichtige Form von Sicherheit schaffen

Ich sehe Treue keineswegs nur als einengende Konvention. Für mich hat sie viel mit Verlässlichkeit, Loyalität und Vertrauen zu tun. Ich möchte mich darauf verlassen können, dass der andere bei Schwierigkeiten nicht einfach davonläuft und dass meine Verletzlichkeit in der Beziehung einigermaßen gut aufgehoben ist.

Weil wir uns in Liebesbeziehungen öffnen, reagieren wir empfindlich auf die Möglichkeit, verlassen oder hintergangen zu werden. Unser Verstand kann dabei längst zu einer sehr liberalen Auffassung von Beziehungen gelangt sein, während unser Nervensystem auf die Anziehung des Partners zu einem anderen Menschen mit erheblicher Unruhe reagiert. Auch das gehört zur Auseinandersetzung mit Treue, denn Bindungsängste verschwinden nicht automatisch dadurch, dass wir sie intellektuell für überholt erklären. Oft reichen ihre Wurzeln bis in unsere Kindheit zurück und können durch keine Vereinbarung im Hier und Jetzt einfach aus der Welt geschafft werden.

Andere Menschen attraktiv zu finden, lässt sich schwer verbieten

Kompliziert wird es immer dann, wenn die Wirklichkeit sich nicht an unsere Vorstellungen hält. Wir können glücklich verliebt sein und trotzdem einen anderen Menschen begehren. Wir können uns sogar verlieben, obwohl wir die bestehende Beziehung keineswegs infrage stellen. Wir können unserem Partner oder unserer Partnerin alle Freiheiten gönnen, aber unser Nervensystem kollabiert, wenn es konkret wird.

Mich interessiert deshalb die Unterscheidung zwischen einem Gefühl und dem, was wir daraus machen. Wenn ich mich verliebe, muss ich deshalb mit diesem Menschen schlafen, eine Beziehung beginnen oder eine gemeinsame Zukunft planen? Vielleicht besteht ein Teil unserer Freiheit gerade darin, unsere begehrlichen Gefühle wahrnehmen und sogar genießen zu können, ohne daraus mehr machen zu müssen. Und vielleicht besteht ein Teil unserer Verantwortung darin, Grenzen zunächst zu respektieren, bevor wir uns daranmachen, sie zu erweitern. Wenn wir das denn wollen.

In einer offenen Beziehung sind diese Fragen natürlich besonders konkret. Offenheit bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass alles möglich ist und jeder jederzeit tut, wonach ihm gerade ist. Im Gegenteil halte ich es für wichtig, Erwartungen und Grenzen möglichst klar zu benennen und auch anzuerkennen, dass nicht jede intensive Begegnung zu einer Bindung führen kann oder soll.

Schweigen schützt eine Beziehung nicht unbedingt

Schwierig wird es oft auch dann, wenn bestimmte Gefühle und Wünsche gar nicht mehr angesprochen werden. Vielleicht sehne ich mich nach etwas, das meine Partnerin nicht möchte, oder ich habe Fantasien, von denen ich ahne, dass sie Unruhe auslösen könnten. Dann liegt es nahe, aus Rücksicht oder Angst lieber zu schweigen.

Auf Dauer kann dieses Schweigen jedoch eine eigenartige Form von Einsamkeit erzeugen. Zwei Menschen bleiben einander vielleicht äußerlich treu, während sich wesentliche Teile ihres inneren Erlebens zunehmend aus der Beziehung verabschieden. Das, was die Beziehung schützen sollte, kann dann dazu beitragen, dass sich beide voneinander entfernen.

Könnte es sein, dass eine tragfähige Beziehung gerade daran zu erkennen ist, dass auch Zweifel und Ambivalenzen darin Platz haben? Wenn ich eine Sehnsucht, eine Irritation oder die Anziehung zu einem anderen Menschen aussprechen kann, muss daraus weder eine Katastrophe noch ein neues Beziehungskonzept entstehen. Oft ermöglicht gerade die Bereitschaft, solche Unterschiede auszuhalten, eine tiefere Form von Intimität.

Sicherheit und Freiheit müssen keine Gegensätze sein

Für mich führt das zu einer Erkenntnis, die zunächst selbstverständlich klingt und im Beziehungsalltag trotzdem einiges verlangt: Meine Partnerin ist ein freier Mensch, auch wenn wir uns lieben, verbindlich miteinander leben und Vereinbarungen getroffen haben. Ihre Gefühle, Wünsche und inneren Bewegungen gehören nicht mir und lassen sich auch durch Vereinbarungen nicht unter Kontrolle bringen. Und auch ich selbst bin ein freier Mensch. Meine Gefühle, Wünsche und inneren Bewegungen gehören zu mir.

Das bedeutet für mich nicht, dass jeder ohne jede Rücksicht einfach macht, was ihm gerade gefällt. Eine verbindliche Beziehung einzugehen, fordert dazu heraus, die eigene Freiheit in Beziehung zu einem anderen Menschen zu setzen und die Folgen des eigenen Handelns für ihn oder sie ernst zu nehmen. Wenn ich auf etwas verzichte, muss ich mich deshalb nicht als unfrei erleben. Ich kann das tun, weil mir unsere Verbindung wichtig ist. Das heißt nicht, dass meine Partnerin über mich verfügt.

Treue beinhaltet nicht zuletzt auch die Treue zu uns selbst, zu unseren Werten, Wünschen und Bedürfnissen. Doch wenn wir nicht allein bleiben wollen, kommt eben auch ein anderer Mensch ins Spiel, mit seinen oder ihren Werten, Wünschen und Bedürfnissen. Und jetzt? Jetzt beginnt das Abenteuer, das Liebesbeziehungen so spannend und attraktiv macht, aber auch eine Reihe von Risiken mit sich bringt. Wir sind frei, aber auch verletzlich. Wir können zu uns und unseren Grenzen stehen, aber vielleicht auch die eine oder andere fixe Erwartung loslassen.

Treue bekommt dadurch für mich eine vielschichtige Bedeutung. Sie ist weniger ein Besitzanspruch auf den anderen als eine freiwillige Form von Verbindlichkeit, bei der ich gleichzeitig mir selbst und unserer Beziehung gegenüber verantwortlich bleibe. Das klingt vielleicht weniger romantisch als die Vorstellung ewiger Exklusivität eines „Only You“, erscheint mir aber näher an dem, was zwei erwachsene Menschen tatsächlich miteinander gestalten können.

Vielleicht sollten wir genauer überlegen, was wir einander versprechen

Damit komme ich schließlich zu einer Frage, die Daniel und mich in einer neuen Podcastfolge von „50 Ways to Ruin Your Sex Life“ ausführlich beschäftigt. Was können zwei Menschen einander eigentlich sinnvoll versprechen? Ich kann schwer garantieren, dass ich niemals jemand anderen attraktiv finden, niemals an der Beziehung zweifeln oder mich niemals wieder verlieben werde, weil Gefühle sich nur begrenzt einem Vertrag unterwerfen.

Ich kann aber Vereinbarungen darüber treffen, wie wir mit solchen Gefühlen umgehen. Ich kann versprechen, unsere Verbindung ernst zu nehmen, Konflikte nicht einfach durch Weggehen zu lösen und gemeinsame Absprachen nicht heimlich umzudeuten. Und ich kann versuchen, auch dann im Gespräch zu bleiben, wenn das, was gerade in uns lebendig ist, nicht besonders gut zu unserem Bild einer glücklichen Beziehung passt.

Wenn du diese Gedanken weiterverfolgen möchtest, findest du im Podcast vielfältige Anregungen dazu. Wir sprechen über Eifersucht und Verlustangst, Verliebtheit und offene Beziehungen, ungelebte Wünsche, sexuelle Exklusivität, Bindung und die manchmal anspruchsvolle Freiheit zweier Menschen, die sich füreinander entschieden haben. Es geht uns nicht darum, Monogamie oder offene Beziehungen zum besseren Modell zu erklären, sondern genauer hinzusehen, was wir eigentlich meinen, wenn wir einander treu sein wollen.

👉 Die Folge 6 der zweiten Staffel von „50 Ways to Ruin Your Sex Life“ erscheint am 1. September 2026 (fast) überall, wo es Podcasts gibt. In der Regel kannst du den Podcast dort auch abonnieren und die Folge kommentieren. Die Links und alle bisherigen Folgen findest du außerdem direkt auf meiner Website.

👉 Mehr zum Thema: Wie viel Abenteuer verträgt die Liebe?
👉 Der Event für Paare: Intimität, Begegnung, Gemeinschaft

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