Zwischen Neugier, Vertrauen und dem Wunsch nach Sicherheit
Sicherheit und Neugier sind menschliche Grundbedürfnisse, die uns von Kindheit an begleiten. Manchmal allerdings erscheinen sie uns wie Gegensätze: Wir wollen uns sicher und geborgen fühlen, und wir wollen etwas erleben, was wir noch nicht kennen.
Diese beiden Bedürfnisse führen unmittelbar zu Fragen, die in vielen Partnerschaften irgendwann auftauchen, auch wenn sie nicht immer direkt ausgesprochen werden:
- Was vermittelt uns ein Gefühl von Sicherheit?
- Wie viel Offenheit tut uns gut?
- Wo beginnt die Freiheit des anderen – und wo tangiert sie mein Bedürfnis nach Sicherheit?
- Und was geschieht mit unserer Beziehung, wenn Vertrautheit und Neugier nicht länger als Gegensätze wahrgenommen werden, sondern sich gegenseitig beflügeln?

Freiheit und Sicherheit
Solche Fragen können sehr unterschiedliche Reaktionen auslösen. Für die einen ist die Vorstellung spannend, über mögliche Abenteuer miteinander ins Gespräch zu kommen. Für andere fühlt sich bereits dieser Gedanke bedrohlich an. Wieder andere stellen überrascht fest, dass sie durchaus Fantasien haben, die sie aber im wirklichen Leben niemals umsetzen möchten. Wie wäre es, einmal gemeinsam mit anderen Paaren über intime Themen zu sprechen? Oder Erfahrungen zu machen, die über die gemeinsame Intimität als Paar hinausgehen?
Für manche eine heiße Vorstellung, für andere eine kalte Dusche.
Mich fasziniert seit vielen Jahren unser aller Unterschiedlichkeit, denn sie erzählt viel über die persönliche Geschichte, die uns geprägt hat. Unsere Prägung kann uns Halt geben und ein gewisses Selbstverständnis, wer wir sind und was wir wollen. Sie kann uns aber auch daran hindern, uns weiterzuentwickeln, und das besonders dann, wenn sich ein Teil von uns nach neuen Erfahrungen sehnt. Das kann sich wie ein Dilemma anfühlen. Wie können wir kreativ damit umgehen?
Exklusivität und Fantasie
Wir leben in einer Kultur, die sexuelle Exklusivität hoch bewertet und sie häufig mit Liebe, Verbindlichkeit und Vertrauen gleichsetzt. Gleichzeitig haben wir über Pornografie und digitale Medien Zugang zu einer kaum überschaubaren Vielfalt erotischer Spielarten und Möglichkeiten. An dieser Vielfalt können wir scheinbar gefahrlos teilhaben, solange sie Fantasie bleiben. Was aber, wenn wir die eine oder andere Fantasie mal einer Realitätsprüfung unterziehen wollen? Wie könnten wir das angehen, ohne uns zu überfordern? Nicht wenige Paare bewegen solche Themen und fragen sich, inwieweit sie ihre gemeinsame Welt schützen und inwieweit sie ihren gemeinsamen Spielraum behutsam erweitern möchten.

Den Horizont erweitern?
Eine Erweiterung des eigenen Liebeshorizonts erleben viele Paare z. B. in Tantraseminaren. Andere wollen vor allem sexuell neue Erfahrungen machen und besuchen vielleicht Erotikpartys oder Swingerclubs. Das kann prickelnd und bereichernd sein, ich höre allerdings auch des Öfteren, dass dabei die verletzlichen Gefühle nicht immer mitkommen und dass der Rahmen zu wenig emotionalen Schutz bietet.
Es geht hier bei weitem nicht nur um Erotik und Sexualität. Es geht um Vertrauen und Sehnsucht, um Freiheit und Zugehörigkeit, vielleicht auch um Selbstwert und Eifersucht. Es geht um Fragen wie: Welche Erfahrungen möchte ich ausschließlich mit meinem Partner oder meiner Partnerin teilen, welche vielleicht auch über die vertraute Zweisamkeit hinaus? Wie würde es sich anfühlen, wenn jemand anderes etwas in meinem Partner wachruft, das ich bei ihm bisher gar nicht kenne? Warum löst allein schon diese Vorstellung bei manchen Menschen Vorfreude aus, während bei anderen das Blut in den Adern gefriert?
Ambivalenz als Chance
Viele Paare erleben an dieser Stelle eine starke Ambivalenz. Da ist einerseits die Neugier, etwas Spannendes zu entdecken, und gleichzeitig die Angst, etwas Wertvolles aufs Spiel zu setzen. Nicht selten möchte ein Partner schneller vorangehen, während der andere mehr Zeit braucht. Dann entsteht leicht das Gefühl, einer trete aufs Gaspedal und der andere auf die Bremse. Beides bringt wichtige Bedürfnisse zum Ausdruck. Es kann helfen, wenn beide Bedürfnisse Raum bekommen und ernst genommen werden. Grenzen sollten respektiert werden, ohne den anderen von der eigenen Geschwindigkeit überzeugen zu wollen. Ja, das ist ein Spannungsfeld. Und vermutlich lässt es sich auch nicht endgültig auflösen.
Vielleicht besteht die eigentliche Kunst darin, weder die Vorsicht noch die Abenteuerlust zum alleinigen Maßstab zu machen. Unsere Befürchtungen verdienen Respekt, denn sie wollen uns häufig schützen. Gleichzeitig sind sie nicht immer ein zuverlässiger Kompass, weil sie oft aus Erfahrungen stammen, die längst vergangen sind und dennoch in unserem Erleben nachwirken. Manchmal ist es gerade die behutsame Begegnung mit dem Unbekannten, die alten Verletzungen ihre Macht entzieht.
Worauf es ankommt
In meiner Erfahrung kommt es nicht darauf an, ob ein Paar sich irgendwann für Kontakte über die Partnerschaft hinaus entscheidet oder nicht. Viel wesentlicher finde ich, wie wir lernen können, unsere Wünsche, unsere Grenzen und unsere Fantasien so miteinander zu teilen, dass daraus ein ehrlicher Dialog entstehen kann. Ein Dialog, in dem sich niemand beweisen oder rechtfertigen muss, weder für seine Sehnsucht noch für seine Vorsicht.
Aus diesen Überlegungen und Erfahrungen heraus ist in den letzten Jahren in der Schule des Seins ein neues Format entstanden, ein Event nur für Paare. „Intimität, Begegnung, Gemeinschaft“ eröffnet einen Erfahrungsraum, in dem wir gemeinsam Schritt für Schritt erforschen, wie wir gut in Verbindung mit uns selbst und mit unserer Partnerin oder unserem Partner sein können. Darauf aufbauend gehen wir der Frage nach, ob – und wenn ja, wieweit – wir uns darüber hinaus innerhalb des geschützten Rahmens der Gruppe öffnen wollen.

Keine geheime Agenda
Es gibt kein festes Programm, das die Gruppe in eine bestimmte Richtung lenken soll. Teilnehmende Paare können Ideen einbringen. Natürlich bringen auch wir unsere Erfahrungen, Wünsche und Visionen mit. Gleichzeitig verfolgen wir kein verborgenes Ideal besonderer Offenheit oder Freiheit, dem alle folgen sollten.
Vielmehr möchten wir mit allen Teilnehmenden gemeinsam eine Atmosphäre schaffen, in der Mut und Neugier ebenso willkommen sind wie Vorsicht und Zurückhaltung, in der Grenzen nicht als Störung, sondern als Ausdruck von Selbstkontakt verstanden werden und in der jede Erfahrung freiwillig bleibt.
Viele Interessierte fragen sich im Vorfeld, wie sich ein solcher Erfahrungsraum anfühlt. Das können wir allerdings erst wissen, wenn wir diesen Raum betreten. Häufig entstehen vorab innere Bilder davon, was dort alles passieren könnte, während viel wichtiger ist, was im eigenen Inneren geschieht und wie wir darauf Einfluss nehmen können. Wer sich ernst genommen fühlt, kann eher Unsicherheit zulassen. Wer seine Grenzen aussprechen darf und gehört wird, muss sie nicht verteidigen. Und wer erlebt, dass ein Nein ebenso willkommen ist wie ein Ja, entdeckt oft eine neue Form von Vertrauen.
Der gemeinschaftliche Prozess lebt von der Bereitschaft aller Beteiligten, Verantwortung für das eigene Erleben zu übernehmen. Fehler, Missverständnisse oder Momente der Irritation lassen sich dabei nicht vollständig vermeiden, aber das muss auch nicht sein. Wenn sie in einer achtsamen und respektvollen Atmosphäre aufgegriffen werden, können sie zu wertvollen Erfahrungen werden, die weit über das Wochenende hinauswirken. So haben wir es in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt.
Wohin geht eure Reise?
Vielleicht wird ein Paar nach diesen Tagen sagen: Für uns ist die Zweierbeziehung der richtige Ort, und wir möchten sie noch bewusster gestalten. Vielleicht entsteht der Wunsch nach mehr inspirierendem Austausch mit anderen Paaren oder nach neuen Erfahrungen. Vielleicht verändert sich auch gar nichts im äußeren Verhalten, dafür aber sehr viel im gegenseitigen Verständnis. Für uns wäre all das bereits ein gelungenes Wochenende, denn das eigentliche Ziel besteht nicht darin, Grenzen zu verschieben, sondern ihnen bewusst zu begegnen und gemeinsam herauszufinden, was uns selbst und unserer Beziehung in ihrer ganz eigenen Weise mehr Lebendigkeit, Ehrlichkeit und Tiefe schenkt.
Vielleicht haben meine Gedanken bei euch mehr Fragen geweckt als beantwortet. Das wäre für mich kein schlechtes Ergebnis, denn Entwicklung beginnt oft nicht mit einer Antwort, sondern mit einer ehrlichen Frage. Ganz gleich, ob ihr unseren Paarevent besucht oder euch diesen Themen zunächst zu zweit widmet: Nehmt euch gerne einmal Zeit für die Frage: Welche Form von Abenteuer würde unsere Beziehung bereichern – und welche Form von Sicherheit brauchen wir, damit wir uns darauf überhaupt einlassen könnten? Vielleicht führt euch ein solches Gespräch ein gutes Stück weiter.
Gerne kannst du oder könnt ihr eure Gedanken oder Fragen zum Thema hier unten in die Kommentare schreiben.
Informationen zum Abenteuer für Paare: Intimität, Begegnung, Gemeinschaft, Zweisamkeit nähren, gemeinsam Neues wagen


