Ich liebe dich gerade … und was ist morgen?

Liebe und Dauer, passt das überhaupt zusammen?

„Ich liebe dich“ ist ein Satz, den viele Menschen gerne hören. Er klingt nach Nähe, nach Angenommensein, vielleicht sogar nach einem Versprechen, das uns beruhigt und das Gefühl gibt: Da ist jemand, auf den ich mich verlassen kann.

Aber wie klingt der Satz: „Ich liebe dich gerade“? Plötzlich wird es heikler, denn da schwingt etwas Momentanes mit, etwas, das sich verändern kann und sich nicht ohne Weiteres für immer festlegen lässt.

Darin liegt die Provokation dieses Satzes. Er stellt uns vor eine Frage, die in Liebesbeziehungen – oft unausgesprochen – im Raum steht: Können wir uns auf die Liebe dauerhaft verlassen, oder können wir sie immer nur im gegenwärtigen Moment erleben? Und wie gehen wir mit diesem Spannungsfeld um?

Wir haben keine Kontrolle

Wenn wir ehrlich sind: Liebe ist nichts, was wir kontrollieren oder worüber wir einfach verfügen könnten. Wir können sie nicht wie einen Vertrag unterschreiben und dann sicher sein, dass sie in jedem Moment gleich stark, gleich warm und gleich offen ist. Liebe wird immer nur jetzt spürbar: in diesem Moment, in dieser Begegnung, in dieser Bereitschaft, das eigene Herz zu öffnen und einen anderen Menschen wirklich an uns heranzulassen. Und wenn das gerade nicht gelingt, können wir lernen, transparent damit umzugehen.

Allerdings können wir viel für unsere Liebesfähigkeit tun. Wir können lernen, Verantwortung für die Heilung früherer Verletzungen zu übernehmen, weniger zu projizieren, weniger im Verteidigungsmodus unterwegs zu sein und weniger zu fordern, wenn wir einem Menschen begegnen, mit dem wir leben und lieben. Wir können üben, einander nicht nur durch die Brille unserer Bedürfnisse, Kränkungen und Erwartungen zu sehen. Aber herbeizwingen lässt sich Liebe nicht, weder durch Forderung noch durch moralischen Druck.

Vielleicht ist das einer der großen Irrtümer in Beziehungen. Wir erwarten Liebe manchmal so, als wäre sie eine Verpflichtung, die der andere zu erfüllen hat. „Wenn du mich liebst, dann würdest du doch …“ Solche Sätze klingen vertraut, aber sie führen selten in mehr Liebe, sondern eher in Enge, Rechtfertigung und Rückzug.

Vom Psychoanalytiker Michael Lukas Möller stammt das Statement: „Liebe ist ein Kind der Freiheit.“ Das ist ein schöner Satz, aber auch ein unbequemer, denn natürlich sehnen wir uns in Beziehungen nicht nur nach Freiheit, sondern auch nach Verlässlichkeit. Wir wollen nicht jeden Morgen neu zittern müssen, ob der andere noch da ist – von bewussten One-Night-Stands einmal abgesehen. Wenn es über den Moment hinausgehen soll, dann wünschen wir uns Kontinuität, Bindung und ein gemeinsames Gewebe, das nicht bei jeder Stimmungsschwankung zerreißt.

Liebe und Bindungsbedürfnis sind nicht dasselbe

Jetzt wird es spannend, denn was vielen nicht klar ist: Liebe und Bindungsbedürfnis sind nicht dasselbe. Liebe ist eine lebendige Bewegung des Herzens, während Bindung mit Dauer, Verantwortung und Verlässlichkeit, aber auch mit Freiheit und Autonomie zu tun hat. Liebe wird spürbar, wo ich mich öffne, wo ich einen Menschen wirklich sehe und ihn nicht für meine Zwecke verändern, benutzen oder besitzen will. Bindung dagegen entsteht dort, wo ein gemeinsamer Weg an Bedeutung gewinnt und wir nicht einfach nach Lust und Laune kommen und gehen.

Das muss nicht heißen, dass wir einander ewige Treue „bis dass der Tod uns scheidet“ versprechen. Aber es bedeutet, dass Beziehung mehr ist als ein beliebiges Hin und Her je nach Tagesform oder spontaner innerer Wetterlage. Die Kunst besteht darin, Liebe und Bindung nicht gegeneinander auszuspielen.

„Ich liebe dich gerade“ kann verunsichern, aber zugleich etwas Befreiendes haben. Es muss nicht bedeuten: „Ich liebe dich nur heute, und morgen sehen wir mal weiter“, sondern eher: „Ich nehme die Herausforderung an, dass Liebe immer nur im Moment geschieht.“ Das macht Liebe nicht kleiner, sondern wahrhaftiger.

Eine ehrlichere Romantik?

Wäre das eine ehrlichere Form von Romantik als „Einer für alles für immer“? Nicht die Garantie ewiger Gefühlszustände, sondern die Bereitschaft, das eigene Herz immer wieder neu zu öffnen und der gemeinsamen Beziehung eine passende Form zu geben, in der Freiheit und Verlässlichkeit miteinander tanzen können?

In der aktuellen Folge von „50 Ways to Ruin Your Sexlife“ spreche ich mit Robert Heeß, dem Autor des Buches „Ich liebe dich gerade“, darüber, wie wir verantwortlich lieben können, ohne die Liebe festzuhalten und Freiheit zu zerstören.

Wir sprechen darüber, wie Paare gemeinsam einen liebevollen Weg einschlagen können, ohne einen Erwartungsdruck aufzubauen, unter dem das Herz sich verschließt. Es ist ein offenes Gespräch über Liebe, Präsenz und Verbindlichkeit geworden, über das, was viele sich tief im Herzen wünschen, und woran wir manchmal gerade deshalb scheitern, weil wir es so sehr wollen.

Podcast 50 Ways to Ruin Your Sexlife

Höre rein in die neue Folge von „50 Ways to Ruin Your Sexlife“ – diesmal mit meinem Gast Robert Heeß.

Schreibe gerne hier oder dort, was du darüber denkst, wie du Liebe und Bindung zusammenbringst – oder was dabei auch schon schiefgegangen ist.
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