Teste deinen „Genderkoeffizienten“
Männer und Frauen unterscheiden sich offensichtlich in vieler Hinsicht. Woran das genau liegt, beschäftigt Menschen seit Generationen und wird sich wahrscheinlich nie abschließend beantworten lassen. Gleichzeitig ist in unserer Gesellschaft der Wunsch stark, Ungerechtigkeiten und Unterschiede in Macht, Teilhabe und sexueller Selbstbestimmung zwischen den Geschlechtern zu verringern. Man denke etwa an den „Gender Pay Gap“ oder den „Orgasm Gap“.
Demgegenüber steht die Auffassung, dass gerade die Unterschiedlichkeit zwischen den Geschlechtern einen wesentlichen Teil erotischer Anziehung ausmacht. Fremdheit, Polarität und Differenz gelten hier als attraktiver Reiz und Quelle erotischer Spannung.
Essenzielle Weiblichkeit und Männlichkeit
Eine dritte Perspektive, die besonders in psychologischen und spirituellen Kontexten verbreitet ist, versucht beides zu verbinden: Sie betont die Gleichwertigkeit der Geschlechter und möchte zugleich ihre Unterschiedlichkeit würdigen und produktiv machen. Dabei geschieht jedoch oft ein interessanter Move — mit Folgen: Eigenschaften werden nicht mehr primär Männern oder Frauen zugeschrieben, sondern als Ausdruck einer eigenständigen, essenziellen „Männlichkeit“ oder „Weiblichkeit“ verstanden. Diese soll dann nicht nur in Menschen, sondern im ganzen Dasein wirksam sein — im Kosmos, in der Natur, im Körper, in psychischen Prozessen. Eine verbreitete Bezeichnung und ein bekanntes Symbol für diese angenommene universelle Polarität ist Yin und Yang.

Das kann Orientierung schaffen, besonders dort, wo Menschen sich mehr Einfluss auf erotische Anziehung oder Beziehungsgestaltung wünschen. Zugleich hat diese Sicht einen Haken: Wenn wir menschliche Eigenschaften, die grundsätzlich allen Menschen zur Verfügung stehen, mit den Etiketten „männlich“ und „weiblich“ versehen, erzeugen wir erneut eine normative Wirkung. Männer werden dann unbewusst eher mit den „männlichen“, Frauen eher mit den „weiblichen“ Eigenschaften in Verbindung gebracht — und verhalten sich dadurch tendenziell eher geschlechtskonform als davon abweichend. So entsteht leicht der Eindruck, bestimmte Qualitäten gehörten natürlicherweise zum einen oder anderen Geschlecht, obwohl es sich eher um eine self-fulfilling prophecy handelt. Damit wird aus einer scheinbar vom biologischen Geschlecht unabhängigen Polarität schnell wieder eine subtile neue Konditionierung.
Das Versprechen magischer Anziehung
Verbunden damit ist oft die Hoffnung, die Magie erotischer Anziehung besser zu verstehen oder sogar gemäß eigenen Bedürfnissen steuern zu können. Auf YouTube finden sich unzählige Anleitungen mit mehr oder weniger explizit diesem Versprechen und entsprechend hohen Followerzahlen. Doch der Preis ist hoch: Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die zu einem großen Teil gesellschaftlich erzeugt und aufrechterhalten werden, werden auf diese Weise ideologisch stabilisiert oder sogar verstärkt.
Das Gender-Mischpult macht aus einer männlich/weiblichen Polarität eine Vielfalt von Optionen sichtbar bzw. Frequenzen individuell steuerbar. Kein Tontechniker würde sich mit einem Regler (z. B. laut/leise) begnügen, warum tun wir das in Bezug auf Polaritäten? Wir können Polarität, Differenz und erotische Spannung als belebendes Element von Begegnung würdigen und feiern, ohne sie durch eine jeweilige Kopplung an das Geschlecht unnötig zu reduzieren. Nicht die Polarität als solche ist das Problem, sondern ihre Koppelung an Geschlechterklischees. Geschlecht und sexuelle Orientierung sind fluider, als viele wahrhaben wollen. Dass diese Fluidität vertraute Identitäten und Ordnungen durcheinanderbringen kann, erklärt vielleicht auch einen Teil des Widerstands gegen sie.
Das Gender-Mischpult konkret
Schauen wir uns das im Detail an. Konkret wird es, sobald mehrere Eigenschaften gleichzeitig ins Spiel kommen (und das ist im Leben wohl meistens so …). Wenn wir Aktivität und Egoismus mit „männlich“ assoziieren, Passivität und Altruismus hingegen mit „Weiblichkeit“ in Verbindung bringen, geraten andere Kombinationen aus dem Blick. Fürsorge ist beispielsweise meist aktiv und uneigennützig, und Bequemlichkeit meist eher passiv und selbstbezogen. Oder nehmen wir eine erotische Begegnung: Da kann der Mann aktiv und die Frau passiv sein (das wäre klischeekonform), während zugleich die Frau auf ihre eigene Lust fokussiert, sich also eher „egoistisch“ verhält, und der Mann sich ebenfalls um ihre Lust kümmert, sich also „altruistisch“ verhält (vom Klischee abweichend). Das ist ohne Weiteres vorstellbar und kann für beide erfüllend sein, vor allem, wenn die Konstellation immer wieder wechseln darf.
Ein weiteres Beispiel: Dominanz und Rationalität gelten vielen als „männlich“, Hingabe und Emotionalität als „weiblich“. Sich „männlicher“ zu verhalten, würde dementsprechend bedeuten, dominanter und rationaler aufzutreten, weiblicher zu sein hieße emotionaler und hingebungsvoller. Wieder geraten andere Konstellationen aus dem Blick: etwa dominante Emotionalität (z. B. ein Gefühlsausbruch, an dem keiner vorbeikommt) oder hingebungsvolle Rationalität („Der Klügere gibt nach“).

Wir können das mit weiteren Kombinationen durchbuchstabieren. Wenn Kreativität und Zielorientierung männlich, Reproduktivität und Prozessorientierung als weiblich gelten, übersehen wir die Möglichkeiten, prozessorientiert kreativ zu werden (z. B. Improtheater) oder zielorientiert reproduktiv („Ich will ein Kind“). Warum sollten wir nur den einen Regler im Blick haben: „männlicher“ oder „weiblicher“? Okay, das würde die Komplexität des Lebens reduzieren, was durchaus für Entspannung sorgen kann. Solange die Reduktion uns nicht zu arg einengt.
Fassen wir zusammen. Sobald verschiedene Eigenschaften über Geschlecht miteinander gekoppelt werden, treten viele reale Verhaltens- und Erlebnismöglichkeiten in den Hintergrund. Je mehr Eigenschaften wir geschlechtlich bündeln, desto stärker verringern ihre Kombinierbarkeit. Wir nehmen die Geschlechterpolarität als eine einzige große Polarität wahr — als gäbe es im Mischpult nur den einen Regler — und übersehen die Vielzahl einzelner Polaritäten, die menschliches Erleben und Begegnen einzigartig machen können. Dahinter steckt womöglich ein verständlicher Wunsch nach Vereinfachung, um durch klare Orientierung Sicherheit zu gewinnen. Doch der Preis dauerhafter Vereinfachung ist ein Verlust an Freiheit, Differenzierung und erotischem Spielraum.
Eine Einladung zum Selbsttest
Vor diesem Hintergrund lädt der Männlich-Weiblich-Selbsttest dazu ein, die eigenen inneren Zuordnungen zu geschlechtsbezogenen Zuschreibungen genauer in den Blick zu nehmen. Er fragt nicht danach, wie „männlich“ oder „weiblich“ du bist, sondern danach, wie du dich selbst in verschiedenen Polaritäten verortest, die kulturell häufig dem einen oder anderen Geschlecht zugeschrieben werden. Vielleicht macht er sichtbar, wo du gängigen Klischees entsprichst, wo du ihnen widersprichst und wo sich ganz eigene Prägungen und Präferenzen zeigen. Er kann dir helfen, vertraute Verknüpfungen von Eigenschaften und Geschlecht zu lockern — und deinen eigenen Spielraum bewusster wahrzunehmen.
👉 Hier geht’s zum Selbstest: Männlich oder Weiblich? Wie denkst, fühlst oder verhältst du dich?
👉 Hier geht’s zum Podcast: Männlichkeit und Weiblichkeit – Universelle Prinzipien oder Geschlechtermythen im neuen Gewand? 👉 Auf Spotify oder YouTube anhören
